Jenseits des Gewohnten

 

Bernd Sannwalds fotografisches Territorium liegt jenseits unserer gewohnten visuellen Wahrnehmung. Dort gilt eine andere Art des Sehens, analytisch und doch von der Kraft der Vorstellung angetrieben. Der ästhetische Kontext rückt in den Vordergrund und die funktionelle Seite der Objekte wird ausgeblendet – anders als beim ‚Alltagsblick‘, der auf das Erkennen von Funktionen angewiesen ist. Ein Privileg der Kunst also, das Sannwald für seine Sichtweise nutzt.

Seine Themen findet er gleichwohl in unserer urbanen Umwelt, sie sind für jedermann sichtbar. Das Reservoir der Motive stammt aus der Architektur der Gegenwart mit ihren eleganten und gewagten Bauten, die Sannwald auf seinen ausgedehnten Foto-Reisen aufsucht. Es ist Aspekte von architektonischen Ansichten, die zur Infrastruktur modernen Lebens gehören und die keinesfalls im Verborgenen liegen.

Eine prägende künstlerische Methode der Fotografie ist das Festlegen des Ausschnitts, die Entscheidung, in welchem Beschnitt und in welcher Vergrößerung ein Motiv präsentiert werden soll. Bei Sannwalds Fotoarbeiten ist dieser Ausschnitt so kompromisslos, dass sich die Bilder von ihrem realen Vorbild loslösen. Zwar könnten wir uns in der Realität in den fotografierten Bauten bewegen, hinein, hindurch oder vorbei gehen. Doch der Künstler lässt uns all diese Passagen als eigenständige Formen wahrnehmen, ungeachtet ihres eigentlichen Zwecks. Ist es uns gelungen, in einer der abgebildeten Konstruktionen einem konkreten Ort zu erkennen, erscheint uns dessen fotografische Metamorphose umso erstaunlicher.

Mit seiner selektiven Position steht Sannwald in der Tradition von Albert Renger-Patzsch (1897-1966), dem Fotografen der Neuen Sachlichkeit. Patzsch hatte seinen direkten Stil in den 1920ger Jahren entwickelt und etablierte radikale Ausschnitte, in denen die untergeordnete Schönheit industrieller Objekte und Architekturen an Bedeutung gewann. Auch bei Sannwald sind die Form, die Oberfläche und die Struktur des Objekts die tragenden Elemente seiner fotografischen Resultate. Gewissermaßen ist sein Arbeitsstil klassisch-zeitlos, wird jedoch stark geprägt von der visuellen Erscheinung unserer Gegenwart. Denn es sprechen heute nicht nur die Entwürfe, sondern auch die Materialien und die Bauweise in der Architektur eine völlig andere Sprache als noch vor einem Jahrhundert.

Auch deshalb wagt Sannwald mit seiner neuesten Serie eine weitere Maßnahme. Mittels digitaler Technik werden die Fotografien nun axial gespiegelt und zu Tableaus neu zusammengesetzt. Somit wird eine noch größere Entfremdung von der Wirklichkeit erreicht, mehr noch: durch die Symmetrie entsteht eine verblüffende Tiefenwirkung. Wie in den Raumgebilden des Science-Fiction Genre dominiert hier eine Art Gitter- und Wabenarchitektur.

Mit diesen neuen Arbeiten gelingt dem Künstler eine zusätzliche Qualität, nämlich die assoziative Anknüpfung an organische Formen. Die Beziehung zwischen der Organisation biologischer Organismen und technischen Artefakten aufzuzeigen ist eine der spannendsten Optionen der Gegenwartskunst. Bernd Sannwald hat sie um eine aussagekräftige Position erweitert, indem er sich den Zweckformen des Bauens in ihrer absoluten Schönheit widmet.

© 2017 Dr. Barbara Rollmann-Borretty